Das heutige Pflänzlein wollte ich euch eigentlich schon im September vorstellen. Über viele Wochen hinweg war ich dann aber so auf Haralds OP fokussiert, dass der Post nun einfach ein wenig später kommt…
Die Kleine Braunelle (Prunella vulgaris) erscheint auf den ersten Blick etwas unspektakulär. Erst als ich mich intensiver mit ihr beschäftigte, wurde mir klar, um was für eine spannende Wildblume es sich dabei handelt.
Die Loki Schmidt Stiftung hat die Kleine Braunelle zur Blume des Jahres 2023 gewählt, um auf den schleichenden Verlust zahlreicher Pflanzen- und Tierarten aufmerksam zu machen.
Viele von euch werden die „gewöhnliche Prunella“ sicher kennen. Man findet sie noch recht häufig in unseren Gärten, auf Wiesen, Weiden, an Waldwegen und Ufern bis in eine Höhe von über 2000 m. Sie bevorzugt eher feuchte, nährstoffreiche Standorte, humose Lehm- und Tonböden.
So zart das Pflänzlein auch ausschaut, es überlebt problemlos regelmäßig gemähten Rasen oder toleriert den Fraß und Tritt durch Vieh auf Weidenflächen. Dennoch sind die Bestände dieser robusten Art in einigen Regionen Deutschlands in den letzten Jahrzehnten stark zurückgegangen.
Damit ist die Kleine Braunelle nicht allein. Viele einst häufige Wiesenblumen stehen heute auf der Roten Liste. Zahlreiche Insekten, Amphibien und Vögel drohen ihre Lebensgrundlage zu verlieren, sollte die Pflanzenartenvielfalt auf unseren Wiesen, Weiden und an Wegrändern weiter schwinden.
Harald und mir ist es ein großes Anliegen immer wieder darüber zu schreiben und auf unseren Touren davon zu berichten. Insbesondere da vor kurzem die EU-Kommission die Zulassung für das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat um weitere zehn Jahre verlängert hat. Eine katastrophale und bittere Entscheidung für die Artenvielfalt!!!
Die Kleine Braunelle und andere Wildblumen sind eine wichtige Nahrungsquelle für viele Insektenarten. Besonders Hummeln, aber auch Honigbienen, Wildbienen und andere Hautflügler nutzen den Pollen der Blume des Jahres für die Aufzucht ihrer Larven. Mindestens 18 Schmetterlingsarten trinken Nektar aus den blauvioletten Blüten.
Die Insekten profitieren von der langen Blütezeit der Kleinen Braunelle, die von Juni bis Oktober reicht. Zudem fressen Raupen von Magerrasen-Perlmuttfaltern und Braunellen-Zwergminiermotten die Blätter der Kleinen Braunelle.
Die Kleine Braunelle gehört zur Pflanzenfamilie der Lippenblütler (Lamiaceae). Ihr Blütenstand besteht aus kopfig gehäuften, purpurvioletten Blütenquirlen und sitzt, was eines der Erkennungsmerkmale der Kleinen Braunelle ist, direkt auf dem obersten Blattpaar auf.
Bei der „Schwester“ unserer Prunella vulgaris, der sogenannten Großblütigen Braunelle (Prunella grandiflora) würde das oberste Stängelblattpaar weit abgerückt vom Blütenstand sitzen. Auch die Blüten wären etwa doppelt so groß.
Der Stängel der Prunella vulgaris ist, wie bei allen Lippenblütlern, vierkantig.
Ihre Blätter sind lanzettlich bis eiförmig-elliptisch geformt und stehen sich am Stängel immer um 90° versetzt gegenüber (botanisch nennt man das „kreuzgegenständig“). Sie sind leicht behaart. Die Blattstiele haben eine Länge von 1 bis 2 cm und werden zur Blüte hin immer kürzer.
Die Pflanze wächst aufrecht oder aufsteigend und vermehrt sich über oberirdische Ausläufer. Sie verbreitet sich teppichartig und kann, je nach Bodenbeschaffenheit, eine Höhe von bis zu 30 cm erreichen.
Erkennt ihr auf dem oberen Foto die feinen Härchen auf den Blättern?
Auch auf der Unterseite der Blätter sieht man sie deutlich.
Ebenso wunderbar erkennbar sind auf dem Foto die bewimperten Kelchblätter der Blüten (hier bereits abgeblüht). Unten Richtung Stängel erscheinen sie noch relativ grün, weiter oben purpurfarben.
Die Blüten von Lippenblütlern sind immer zygomorph. Die einzelnen Blüten bei der Kleinen Braunelle werden etwa 1,5 cm lang. Ihre Oberlippe ist helmartig gewölbt, die Unterlippe endet dreilappig mit einem fast herzförmigen vorn etwas gezähnelten Mittellappen.
Ich freue mich total, dass man das auf dem Foto so gut sehen kann! Sogar die Staubblätter sind zu erkennen.
Es ist nicht zu 100 % geklärt, woher der Name Braunelle tatsächlich stammt.
Eventuell bezieht er sich auf die braune Farbe der verblühten Kelchblätter, die zuerst die blauvioletten Kronblätter umschließen und später den Blütenstand beinahe wie einen kleinen Tannenzapfen aussehen lassen.
Ich vermute eher, dass der Name den Bezug zu einem alten medizinischen Begriff, der sogenannten Halsbräune, herstellt. Als Halsbräune oder Bräune-Krankheit bezeichnete man eine braunrote Entzündung im Hals, die Diphtherie. Bereits im Mittelalter und bis ins 18. Jahrhundert hinein galt die Kleine Braunelle als wichtigste Heilpflanze gegen diese Erkrankung. Man nannte sie darum auch „Braunheil“ oder „Braunwurz“.
Die Kleine Braunelle war früher in ganz Europa als eine Art Universalheilmittel sehr bekannt. Man gab ihr die Namen „Allheil“, „Immergsund“ oder „Gutheil“. Auf Englisch wird sie bis heute „Self-Heal“ und „Heal-all“ genannt.
Auch bei der Behandlung innerer und äußerer Verletzungen wurde ihr große Heilkraft zugeschrieben. Die alten Namen „Tischlergras“, „Zimmermannskraut“ oder „Wundwurz“ deuten darauf hin.
Der in London lebende Botaniker John Gerard schrieb 1597:
„Es gibt auf der Erde kein besseres Wundkraut als die Braunelle.“
Man trank sie in Wasser oder Wein gekocht, „um das geronnene Blut zu treiben, die hitzigen Schmerzen zu stillen und allerlei Verwundungen im Leib zu heilen“. Äußerlich wurden mit dem Sud Wunden ausgewaschen oder darin getränkte Tücher als Umschläge auf Prellungen und Quetschungen gelegt.
Die Pflanze ist auch heute noch in ganz Europa und Asien verbreitet. Bei uns in Europa sind ihre Heilkräfte leider weitgehend in Vergessenheit geraten.
Die Kleine Braunelle enthält u. a. Antioxidantien, Bitterstoffe, Campher, Cumarine, Flavonoide, Gerbstoffe, Phytosterole, Polysaccharide, Rosmarinsäure, Saponine und Terpene.
Sie wirkt adstringierend, antibakteriell, antiviral, blutdrucksenkend, blutzuckersenkend, entzündungshemmend, krampflösend, verdauungsfördernd und kann bei Bluthochdruck, Diabetes, Entzündungen, Erkältung, Fieber, Halsentzündungen, Halsschmerzen, Hautentzündungen, Magen-Darmbeschwerden, Mundschleimhautentzündungen, Verdauungsprobleme und schlecht heilenden Wunden helfen.
Ganz neue Forschungen, insbesondere in China, beschreiben die Wirksamkeit der Braunelle gegen Herpesviren.
In der Traditionellen Chinesischen Medizin hat die Braunelle im Gegensatz zu Europa einen wichtigen Platz eingenommen – allerdings bei ganz anderen Anwendungsgebieten als in der traditionellen Medizin Europas.
Die Hauptanwendung der Braunelle ist im chinesischen Heilsystem die gestörte Leberfunktion.
Man nutzt die Braunelle zur Behandlung von Fieber, Kopfschmerzen, Schwindelgefühl, Hepatitis, Augenentzündungen, Magen-Darm-Entzündungen, Drüsenschwellungen und Bluthochdruck.
Die Pflanze wird sogar bei sehr schweren Erkrankungen wie Krebs, Tuberkulose und Aids verwendet.
Nun stellt sich die Frage: Wie können wir die heilkräftige Prunella anwenden? Im Folgenden habe ich ein paar Möglichkeiten für euch zusammengestellt.
Wichtig ist, dass ihr die Blütenähren der Kleinen Braunelle für Tee, Tinkturen oder Absud erst bei der Abblüte erntet, also sobald die Farbe der Ähren zu Braunrot wechselt.
Braunellen-Tee
Zubereitung:
1 – 2 gehäufte TL Braunellenblüten (und -blätter) mit 250 ml heißem Wasser aufbrühen und 10 Minuten ziehen lassen.
Anwendung (innerlich):
Diesen Tee könnt ihr bei fiebrigen Erkältungen, grippalen Infekten und Husten, zur Linderung von Halsschmerzen, Schluckbeschwerden und Atemwegserkrankungen, aber auch zur Anregung der Leber- und Gallenfunktion anwenden.
Auch zur Blutdrucksenkung wird der Tee empfohlen.
Für diese Anwendungsbereiche können bis zu drei Tassen am Tag getrunken werden.
Wichtig: Nach einer Teekur von drei Wochen sollte unbedingt eine zweiwöchige Pause eingelegt werden!!!
Gegen Entzündungen im Mund- und Rachenraum kann man einen stärkeren Teeaufguss, mit nur 100 ml Wasser, zubereiten. Diesen dann zwei- bis dreimal täglich zum Gurgeln verwenden.
Anwendung (äußerlich):
Den Tee, wie oben beschrieben, zubereiten und anschließend erkalten lassen.
Äußerlich verwendet man den Tee für Umschläge bei Hauterkrankungen, kleinen Wunden und Prellungen.
Braunellen-Tinktur:
Ihr braucht:
etwa 2 EL frische Braunellenblüten
50 %igen Alkohol (aus der Apotheke)
ein steriles Schraubglas
Zubereitung:
Zuerst zerkleinert ihr die ungewaschenen Blüten und füllt dann ein Schraubglas bis etwa zur Hälfte damit auf.
Dann übergießt ihr das Ganze mit Alkohol und lasst die Tinktur mindestens 2 Wochen an einem hellen und möglichst warmen Standort ruhen. Am besten täglich kräftig durchschütteln.
Nach den zwei Wochen seiht ihr die Mischung durch ein feines Passiertuch ab. Die aufgefangene Lösung ist eure fertige Braunellen-Tinktur.
Die Tinktur könnt ihr sehr lange Zeit aufbewahren (am besten dunkel lagern).
Anwendung (innerlich):
Gegen Entzündungen im Mundraum empfiehlt es sich, 15 Tropfen mit 100 Millilitern Wasser vermischt zum Gurgeln zu verwenden.
Um Bluthochdruck zu lindern, werden 10 bis 15 Tropfen der Braunellentinktur verdünnt mit Wasser oder Tee dreimal täglich eingenommen.
Anwendung (äußerlich):
Die Tinktur könnt ihr auch wunderbar zur Wundreinigung, zur Anwendung auf Wundkompressen oder zum Abtupfen von Lippenbläschen (Herpes) verwenden.
Braunellen-Absud (TCM):
Zubereitung:
1 große Handvoll Blütenähren (sobald sie abblühen) mit 500 ml Wasser erhitzen und etwa 30 Minuten bis eine Stunde auf kleiner Flamme sanft köcheln lassen. Durch das Kochen als “Absud” lösen sich vor allem die Gerbstoffe.
Anwendung:
In der TCM wird empfohlen, den Absud über den Tag verteilt als Tee zu trinken. Er eignet sich auch zum Gurgeln.
Für die äußere Anwendung können Hautstellen mit dem Absud betupft oder Auflagen gemacht werden.
Man kann den Sud auch als Eiswürfel einfrieren und die gewünschte Portion zur Anwendung auftauen. Oder Prellungen, kleine Wunden, Lippenherpes etc. direkt mit einem Eiswürfel betupfen.
Natürlich verwende ich die Kleine Braunelle auch in meiner Wildkräuterküche. Die Prunella ist ein sehr aromatisches Wildkräutlein mit leicht bitterer, gerbstoffiger Note.
Im Sommer hatte ich eine absolut köstliche Zitronen-Limonade mit Braunelle produziert und Prunella-Schoko-Bownies gebacken. Beide Rezepte möchte ich im kommenden Jahr unbedingt an euch weitergeben.
Ansonsten könnt ihr die Blätter und Blüten frisch, evtl. fein geschnitten, wunderbar in Salaten, Dressings, Kräuterquark und -butter oder zum Ummanteln von Frischkäsebällchen verwenden. Auch in Suppen und Eintöpfen machen sie sich gut.
Ein kleiner Tipp:
Achtet bei der Zubereitung von Salaten mit herben Wildkräutern immer auf ein cremiges, geschmacksintensives Dressing. Perfekt dazu sind kräftige Öle und etwas fruchtige Süße.
Selbstverständlich könnt ihr die Blüten und Blätter auch trocknen und eigene Teemischungen damit herstellen.
Sodele, das war‘s auch schon von meiner Seite zum Thema „Blume des Jahres 2023“. Wer hätte gedacht, dass so viel in einem sooo kleinen Pflänzlein steckt?
Im meinem nächsten Post wird es langsam „adventlicher“…
Macht’s gut bis dahin und bleibt gesund, ihr Lieben!
Fühlt euch gedrückt von
Regina
Disclaimer: Wer selbst Wildkräuter und -pflanzen sammelt und nutzt, muss in der Lage sein, die Pflanzen eindeutig zu erkennen. Bei Unsicherheit ist von der Nutzung unbedingt abzusehen! Die auf unserer Seite zur Verfügung gestellten Informationen sind sorgfältig zusammengetragen und recherchiert. Die vorgestellten Hausmittel und Rezepte ersetzen nicht den Arztbesuch. Die Anwendung bei Babys, Kindern und Schwangeren sollte nur mit vorheriger Abklärung durch einen Arzt erfolgen. Bei unklaren, akuten, schweren und anhaltenden Gesundheitsbeschwerden reichen Hausmittel nicht aus und es sollte ein Arzt konsultiert werden. Das Nachmachen der Rezepte und die Anwendung unserer Tipps geschieht auf eigene Verantwortung.
Hallo Regina,
Danke für den tollen Artikel. Ich habe wieder Neues über meine Lieblingsheilpflanze gelernt. Beim Sammelzeitpunkt gibt es wohl 2 Meinungen. Die Asiaten sammeln, wie du es auch empfiehlst, die abgeblühten Ähren, was ich bis jetzt nicht so gemacht habe. Weißt du zufällig den Grund? Ändern sich die Inhaltsstoffe?
Ich setzte seit 10 Jahren eine 70% ige Tinktur mit großem Erfolg bei allen Arten von Infektionen ein.
Liebe Grüße
Bettina
Liebe Bettina,
die Kleine Braunelle, die so unscheinbar auf unseren Wiesen wächst, ist auch eine meiner Lieblings-Heilpflanzen. Und ich freue mich zu hören, dass auch andere ihren Wert wieder beginnen zu schätzen!
Ich hab mir einige Gedanken über deine (super spannende) Frage gemacht und mich mit einer unserer Bio-Lehrerinnen darüber unterhalten:
In der traditionellen europäischen Heilkunde lag der Focus auf den adstringierenden Gerbstoffen, die in der Kleinen Baunelle enthalten sind. Gerbstoffe (auch die Rosmarinsäure) und Falvonoide können mit Proteinen vielfache Bindungen eingehen, wodurch deren Funktion dann eingeschränkt wird. So erklärt sich die antibakterielle und antivirale Wirkung.
In der TCM liegt der Schwerpunkt bei der Anwendung der Kleinen Braunelle laut „Arzneibuch der Chinesischen Medizin“ auf den Triterpenen. Triterpene sind sogenannte Kortikomimetika, die die Wirkung von Kortison quasi „imitieren“ und entzündungshemmend wirken.
Auf jeden Fall ändern sich während allen Stadien der Blütezeit die Inhaltsstoffe in den Blüten. Zu Beginn sind sicher die Blütenfarbstoffe (Anthocyane, Flavone, Carotinoide etc.) und die Duftstoffe besonders prägnant, um Insekten anzulocken. Mit der Zeit entwickeln sich dann auch Abbaustoffe.
Meine Vermutung wäre nun tatsächlich auch, dass der Gehalt an Triterpenen bei der Abblüte, also am Ende der Blütezeit, am höchsten ist. Sicher bin ich mir aber nicht. Da müsste man einen Chemiker fragen.
Vielleicht finden wir es noch heraus?
Ich wünsche dir noch ganz viel Freude mit der Kleinen Braunelle und weiterhin Erfolg bei der Anwendung deiner Tinktur.
Herzliche Grüße von
Regina